Martina Rauch in Europa zu Hause
Auch wenn ihr feine Fleischwaren praktisch in die Wiege gelegt waren, kam Martina Rauch erst spät zu der Einsicht, dass der Fleischerberuf auch für sie eine Berufung sein könnte. Als Spross der Handelsfamilie Rauch aus Essen-Kettwig wuchs sie mit dem Vertrieb von Wurst und Schinkenspezialitäten auf. Heute ist sie im Familienunternehmen im Marketing tätig und fühlt sich sehr wohl dabei. Doch der Weg dorthin war weniger eine „Karriere-Autobahn“ als vielmehr ein mühsamer Kletterpfad. Für diesen entschied sie sich nach dem Abschluss der höheren Handelsschule.
„Ich hatte bis zu meinem
Schulabschluss
und auch kurz danach nie die Idee, in einer Fleischerei eine Lehre zu beginnen“, blickt sie zurück. Die Berufswünsche gingen eher in Richtung Fotografin oder Krankengymnastin. Ein Vorschlag der Eltern, sich einmal eine Fleischerei aus der Nähe anzusehen, erfüllte sie erst mit Skepsis. Einige potenzielle Ausbildungsbetriebe wurden unter die Lupe genommen, bei der Fleischermeister Rainer Weißmann in Erkrath viel dann die Entscheidung: „Entweder hier oder gar nicht.“ Eine Lehre als Fleischereifachverkäuferin könne schließlich nicht schaden, dachte sie sich zu diesem Zeitpunkt.
Hinzu kam die Einsicht, dass hier Dinge vermittelt werden können, die man für die Karriere in einem Familienunternehmen durchaus brauchen könne. Zumal sich dort alles um Wurst und Schinken dreht.
Seinerzeit hatte die Firma Rauch noch viele Shops im Lebensmitteleinzelhandel. Demnach bestand die Option, hier Kreativ tätig zu werden. „Das interessierte mich schon sehr stark.“ In Anschluss an die Lehre war Martina Rauch auch zwei Jahre für diesen Bereich verantwortlich.
Im Vorfeld hatte sie Freude an dem Berufsbild des Fleischers und der Fachverkäuferin gewonnen. Als Verkäuferin gelang es ihr nicht nur Jahrgangsbeste bei der Abschlussprüfung zu werden, es folgten die Stufen Kammersiegerin, Landessiegerin und Teilnahme im Bundeswettbewerb.
Das sehr gute Abschneiden bei der Verkäuferinnenprüfung brachte einige Vorteile mit sich. Die Förderungen der Handwerkskammer nutzte sie gern und meldete sich zum Meisterkurs an. Den Meisterlehrgang absolvierte sie in Modulform bei der Handwerkskammer Düsseldorf. Als erstes waren die Prüfungen zur Fachkauffrau und die Ausbildereignungsprüfung an der Reihe. Der theoretische Teil machte ihr kaum Probleme, anders sah es in der Fachpraxis aus. Um auch darin fit zu werden, meldete sie sich in der Fleischerschule Heine in Frankfurt an. 2001 begann die Fachpraxis, Ende des Jahres der Abschluss als Fleischermeisterin mit der Gesamtnote „gut“. Dass lediglich zwei Frauen unter den 40 Meisterschülern waren, konnte ihren Schwung nicht bremsen. „Auch wenn ich im Rahmen meiner Verkäuferinnenlehre Einblicke in die Wurstküche bekommen hatte, musste ich erst mal das Zerlegen gründlich üben“, blickt sich zurück. Das geforderte Rindervorderviertel stellte für sie eine echte körperliche Herausforderung dar. „Das Erstellen von ladenfertigen Platten war für mich die Kür der Prüfung“, schmunzelt sie heute über die Höhen und Tiefen des Meisterkurses. Diesen zu bestehen, war für sie auch ein sportliches Ziel. Nicht zuletzt war es ihr ein Anliegen, einerseits in die Fußstapfen ihres früh verstorbenen Vaters zu treten, andererseits mit ihrem Bruder Oliver gleich zu ziehen, der kurz vorher seine Meisterprüfung hinter sich gebracht hatte. „Durchhaltevermögen und Fleiß sind Tugenden, die zum Erfolg führen“, gibt sie allen angehenden Meisterinnen mit auf den Weg. Damit habe man eine sichere Basis, um auch den Spaß am Job zu entdecken. Ihre Devise lautet nach wie vor: „Überall die Nase reinstecken und die Augen offen halten.“ Wer stetig das Spektrum seines Wissens erweitere, profitiere stark davon.

Das dies nicht nur in der eigenen Region Gültigkeit hat, erfuhr Martina Rauch schnell. Durch die Handelsbeziehungen hatte sie vielfach Gelegenheit, auch die Produktionsstätten der Partnerfirmen in Europa kennen zu lernen. Nur wer genau weiß, wie Fleischwaren hergestellt werden, kann auch Marketinggesichtspunkten auf die Produktentwicklung Einfluss nehmen. So sieht sie sich heute als Brückenbauerein zwischen Herstellern einerseits und dem Fachhandel auf der anderen Seite.
Die Auslandsaufenthalte in England, Frankreich, Irland und Südafrika, sowie in Spanien dienten nicht nur der Verbesserung der Sprachkenntnisse, sondern auch dem Verständnis der jeweiligen Kulturen. Als besonderes Glanzlicht sieht Martina Rauch ein Stipendium an, das sie für fünf Wochen im Rahmen eines deutsch-japanischen Kulturaustausches in die Nähe von Tokio führte. „Bei dem zweiwöchigen Betriebspraktikum lernte ich eine faszinierende Kultur kennen, die von sehr viel gegenseitigem Respekt geprägt ist.“, berichtet sie. Als Kandidatin für dieses Stipendium war sie von der Handwerkskammer Düsseldorf vorgeschlagen worden. Bei ihrem Aufenthalt im Land der aufgehenden Sonne erfuhr sie, dass deutsche Handwerksmeister auch in Fernost eine hohe Wertschätzung genießen. Allein der Name des Unternehmens, in dem sie ein Praktikum absolvierte, spricht Bände: „Bütz-Delikatessen“. In dieser Firma wurden über 70 Produkte hergestellt. Vom Kochschinken über geräucherte Kochschinken bis hin zu Frikadellen und gegartem Bauch reicht die Palette. Auch Fleischwurst rheinischer Art mit Knoblauch, Wiener und Frankfurter Würstchen gehören zum Sortiment. Die meisten Artikel wurden für die Selbstbedienung aufgeschnitten und über den Fachhandel verkauft. „Bei einem Blick ins firmeneigene Qualitätssicherungslabor sah ich deutsche originale und ins japanische übersetzte Fachbücher“, schildert Martina Rauch das Streben der Japaner, möglichst authentische Ware anzubieten. Dass auch ein Großteil der Maschinen aus Deutschland importiert worden war, wunderte sie demnach kaum noch. Sowohl die Kutter als auch die Füllanlagen und die Vakuumiergeräte trugen den Stempel „made in Germany“. Bereits lange bevor hierzulande das Thema „Hygienepaket“ zur Debatte stand, waren die Standards, die heute gefordert werden, in Japan Normalität. Produziert wurde nach vorheriger Desinfektion und ausschließlich in Gummistiefeln und Schutzanzug. Mit einer Kleberolle wurden Flusen von der Kleidung entfernt, Mundschutz und Unterarmschutz gehörten zum normalen Porduktion-Outfit. Dies hatte allerdings für die Kommunikation einige Nachteile: „So vermummt waren meine Ansprechpartner kaum zu erkennen, weil ich die einzelnen Mitarbeiter hinter den Schutzmasken kaum noch identifizieren konnte“, so Martina Rauch. Umgekehrt war es einfacher. Sie war die einzige Person, die wegen ihrer Haut- und Haarfarbe auf Anhieb zu erkennen war.
Beeindruckt war die Praktikantin aber nicht nur von den Hygienestandards, sondern auch von der Vielfalt der Lebensmittel, die in Japan angeboten werden. Auf einem Großmarkt bewunderte sie vor allem die Bandbreite an Fisch, Meeresfrüchte, Schalen- und Krustentieren, die hier zum Verkauf standen. Auch die Gemüsesorten haben in Japan einen höheren Stellenwert für die Ernährung, als dies in Deutschland der Fall ist. Außerdem brachte sie von ihren Reisen das Fazit mit, dass gutes Essen überall auf der Welt geschätzt ist. „Essen ist auch als Kommunikationsfaktor unheimlich wichtig“, sagt sie, „das gilt für Geschäftsessen ebenso wie für die Besprechung innerhalb der Familie am Mittagstisch.“ Wenn man die kulinarische Kultur miteinander teilt, kommt man sich schnell auch persönlich ein großes Stück näher.
rh
Fotos: rh
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